Die Mehrzahl der historischen Gebäude in der Innenstadt und in den verstädterten Übergangsbereichen der größeren Vororte (Bierstadt, Dotzheim, Biebrich, Erbenheim, Sonnenberg) entstand aufgrund der erheblichen Wohnungsnachfrage in Folge des rasanten Wachstums der Kurindustrie in der „Weltkurstadt“ und in ihrem Umfeld im 19. Jahrhundert bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Die Blockrandbebauung war eine günstige Möglichkeit, Wohnraum zu schaffen. Dies gilt sowohl für die einfachen Wohnungen als auch für „Luxuswohnungen“ mit großzügigem Zuschnitt, etwa entlang des Ersten Ringes.

Dieser Gebäudetyp zeichnet sich durch repräsentative Fassaden zur Straße hin aus, während die Hofseite meist weniger aufwendig gestaltet ist. (Abb. 9 / Blockrandbebauung Wilhelmstraße © Wiesbaden Marketing GmbH)
Dieser Gebäudetyp zeichnet sich durch repräsentative Fassaden zur Straße hin aus, während die Hofseite meist weniger aufwendig gestaltet ist.
(Abb. 9 / Blockrandbebauung Wilhelmstraße © Wiesbaden Marketing GmbH)


Dem Historismus als prägendem „Stil“ dieser Zeit folgend, zeichnen sich insbesondere die repräsentativen verputzten Straßenfassaden durch reiche Verzierungen wie Gesimse, Lisenen, Bossen und Fenstergewände aus. Die Giebelwände der Zwerchhäuser setzen die Gestaltung der Fassade fort, während Gauben oft einfacher ausgeführt sind. Auch die Gesimse zum Dach sind oft reich verziert, obwohl die Dachüberstände klein sind. Die Hofseiten hingegen sind in der Regel schmuckloser und bisweilen unverputzt als sichtbares Ziegelmauerwerk und mit einfachen Fenstergewänden versehen. Dächer sind vorwiegend als Satteldächer mit Schleppgauben und Zwerchgiebeln, seltener als Mansarddächer ausgeführt, um auch den Dachraum besser nutzbar zu machen. Exemplarisch für solche Lösungen sind die Bauten im Bereich rund um die Ringkirche oder in der Südweststadt (Adelheidstraße, Oranienstraße, Moritzstraße etc.).

Konstruktiv handelt es sich in der Regel um verputzte Ziegelbauten mit massiven Wänden. Kellergeschosse und Sockel wurden zum Teil aus Naturstein erstellt. Die Kellerdecken sind in einigen Fällen noch als Gewölbe, bei jüngeren Gebäuden häufig auch als Kappen- oder Betondecken mit tragenden Stahlträgern ausgebildet. Alle weiteren Geschossdecken sind meist als Holzbalkendecken ausgeführt. Sparrendächer mit einer einfachen Schalung und Schieferdeckung prägen das Bild. Zum ausgebauten Dachraum hin wurde die Innenwand mit Lehmwickeln versehen und verputzt. Die Räume wurden ursprünglich mit Einzelöfen beheizt.

 Abb. 8 Fassadenelemente eines typischen Gründerzeitgebäudes © Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen, TU Darmstadt
Abb. 8 Fassadenelemente eines typischen Gründerzeitgebäudes
© Fachgebiet Entwerfen und Energieeffizientes Bauen, TU Darmstadt


Energetische Bewertung Blockrandbebauung

  • Kompakte Bauweise: Das gute Verhältnis von Hüllfläche zum beheizten Volumen führt zu weniger Wärmeverlusten als bei Einzelgebäuden gleicher Bauweise.
  • Luftdichte Gebäudehülle: Die massive Bauweise mit Verputz vereinfacht die Herstellung der Luftdichtheit. Schwachpunkte sind Fenster und Dach (siehe Kapitel Luftdichtheit).
  • Fassadendämmung: Die Dämmung der Außenwand an der Straßenseite ist wegen der Ornamente aufwendig, aber möglich (z. B. Innendämmung), wenn dies mit der historischen und gegebenenfalls ebenfalls denkmalgeschützten Gestaltung der Innenräume vereinbar ist. Hofseiten ohne Ornamente und Gesimse können in vielen Fällen von außen gedämmt werden (siehe Kapitel Außenwand).
  • Raumseitige Dachdämmung: Es bietet sich eine Dämmung der obersten Geschossdecke an, bei ausgebauten Dachgeschossen die Dämmung zwischen und unter den Sparren. Die Dämmung auf dem Sparren ist bei Dachgauben und aufwendig gestalteten Traufgesimsen schwieriger (siehe Kapitel Dach).
  • Fenster: Erhaltenswerte, historische Fenster können in der Regel repariert und eine Dichtung nachgerüstet werden. Häufig können sie auch mit Wärmeschutzverglasungen versehen oder zu Kastenfenstern ergänzt und damit energetisch deutlich verbessert werden (siehe Kapitel Fenster).
  • Einfache technische Nachrüstung: Großzügige Raumhöhen und eine Vielzahl von Kaminzügen bieten mitunter Raum für den nachträglichen Einbau zusätzlicher Anlagentechnik wie Lüftungsleitungen, Heizleitungen, Fußbodenheizungen etc. (siehe Teil 3 Anlagentechnik).